Work in progress: In democratic societies / „Rossebändiger“
In democratic societies / „Rossebändiger“
In meiner Arbeit In democratic societies / "Rossebändiger interessiert mich das Ringen um Deutungshoheit bzw. Wahrheit auf politisch-historischer Ebene im Verhältnis zur medialen Ebene. Das Erstarken der Neuen Rechten und das Aufkommen postfaktischer Strömungen sind direkt mit den parallel verlaufenden Diskursen zum Thema „Wahrheit“ und „Fake“ auf medialer Ebene verknüpft: Der tradierte Wahrheitsanspruch der Fotografie, ihr direkter Bezug zur physisch existenten Realität und damit ihre Glaubwürdigkeit werden durch die neuen digitalen Werkzeuge, insbesondere durch bildgenerierende Künstliche Intelligenz aktuell massiv infrage gestellt und müssen aktuell neu verhandelt werden.
Historie
Meine Arbeit In democratic societies / "Rossebändiger" basiert auf den beiden Rossebändiger-Skulpturen von Edwin Scharff (1887-1955) aus den Jahren 1937-1940, die am Eingang des heutigen Nordparks bzw. Aquazoos, Kaiserwerther Straße 390 in 40474 Düsseldorf stehen. Die Rossebändiger-Skulpturen von Edwin Scharff wurden vom NS-Regime für die Große Reichsausstellung Schaffendes Volk, der zu damaliger Zeit wichtigsten Propagandaausstellung Nazideutschlands, bei Scharff in Auftrag gegeben. Die Einordnung der Skulpturen ist jedoch historisch ambivalent: Obwohl die Arbeiten an den Skulpturen in Kenntnis der Entwürfe und Modelle, und mit Zustimmung des NS-Regimes durchgeführt wurden, wurden Fotos der Rossebändiger kurzzeitig bei der Eröffnung in der Ausstellung Entartete Kunst in München 1937 gezeigt, nach 2 Tagen allerdings mit dem Hinweis auf ein Versehen entfernt. Die Arbeiten an den Skulpturen wurden 1938 wieder aufgenommen und bis 1940 unter dem Naziregime fertiggestellt, Edwin Scharff verlor in der Folge der Ereignisse dennoch seine Anstellung als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.
Quellen:
- „Vom Werkbund zum Vierjahresplan. Die Ausstellung Schaffendes Volk, Düsseldorf 1937“ (ISBN 3-7700-3045-1), Dissertation, Stefanie Schäfers, Droste Verlag, 2001.
- Stadtarchiv Düsseldorf, Akte Bestand 0-1-18 Schaffendes Volk
- https://emuseum.duesseldorf.de/objects/140736/rossebaendiger, abgerufen am 15.12.2025
Statement
Für mich interessant ist das historische Ringen um Deutung, das sich an den beiden Rossebändigern festmacht und das ich in Bezug zur aktuellen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, vor allem hinsichtlich diverser Kulturkämpfe in Zusammenhang mit dem Erstarken der neuen Rechten setzen und auf unsere heutige gesellschaftspolitische Situation beziehen möchte: Einerseits verkörpern die Rossebändiger eine mit dem Nationalsozialismus konnotierte Ästhetik, die 12 m hohen Granit-Skulpturen waren als monumentale ideologische Wahrzeichen, als Staatskunst und Propaganda für das NS-Regime entstanden und können auf dieser Ebene auch heute noch als Symbole für den Nationalsozialismus und den Faschismus gelesen werden. Andererseits gab es bei dieser Zuschreibung durch die zeitweise Einstufung als Entartete Kunst (durch das Entfernen der Rossebändiger-Fotos nach 2 Tagen aus der Ausstellung Entartete Kunst in München und den Weiterbau und Fertigstellung der Skulpturen) einen Bruch. Eindeutige Zuschreibungen werden daher aus meiner Sicht den unterschiedlichen Bedeutungsschichten und dem Wirken der verschiedenen ideologischen Kräfte letztlich nicht gerecht. Die Rossebändiger sind in ästhetischer Hinsicht weder als reine NS-Kunst, wie beispielsweise Josef Thoraks Skulptur Fahnenträger aus dem Jahr 1937, noch als Entartete Kunst wie beispielsweise Otto Freundlichs Skulptur Der neue Mensch aus dem Jahr 1912 (zerstört 1941, auf dem Plakat zur Ausstellung Entartete Kunst in München abgebildet), kategorisierbar, so meine Einschätzung.
Ziel der Arbeit In democratic societies / "Rossebändiger“ ist es nicht, diese historischen Zusammenhänge kunstwissenschaftlich aufzuklären, meine obige Aussage ist lediglich eine weitere Meinung und reiht sich in die verschiedenen Deutungsversuche zu den Rossebändigern ein.
Vielmehr interessiert mich gerade die Unschärfe der Situation angesichts der ideologischen Gemengelage, das historische Ringen von verschiedenen Kräften um Deutungshoheit. Vor allem die Parallelen zu den heutigen Kulturkämpfen sind für mich relevant. Die historischen Rossebändiger sollen mir dabei als Projektionsfläche für unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen und gesellschaftspolitische Intentionen in Vergangenheit und Gegenwart dienen.
Arbeitsprozess
Die Arbeit In democratic societies / „Rossebändiger“ ist von mir in mehreren Schichten konzipiert, zum einen besteht sie aus dem Satz: „In democratic societies, the interaction between empirical facts and the moral and ethical frameworks through which they are interpreted plays a decisive role in shaping collective values and norms”, den ich auf Basis von akademischen, politikwissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Postfaktizität formuliert habe, wobei der Sprachduktus der Ausgangstexte erhalten bleiben sollte.
Zum anderen habe ich dokumentarische Fotos der Rossebändiger-Skulpturen erstellt (2014-2026), diese sind zusammen mit Reproduktionen historischer Fotos der Rossebändiger-Skulpturen aus dem Stadtarchiv Düsseldorf (aus den Jahren 1937-1960) ebenfalls Teil der Installation. Die GPS-Koordinaten und die Zeit der Aufnahme, sowie der Zeitpunkt der Erstellung der Scans der historischen Fotos im Stadtarchiv sind als Text in den Bildern sichtbar.
Diesem dokumentarisch-fotografischen Teil der Installation habe ich mit von generativer KI bearbeitete Bilder gegenübergestellt: Einige der von mir erstellten Fotos der Rossebändiger-Skulpturen sind mithilfe von generativen KI-Tools bearbeitet, hier habe ich mit Text-Prompts die bestehenden Fotos verändert, und die Skulpturen mit u.a. „Graffiti- und Farbeingriffen“ versehen. Die Graffiti-Textfragmente habe ich teils selbst erdacht, teils stammen sie aus tatsächlichen Graffiti- und Protestaktionen im öffentlichen Raum. Auch habe ich mithilfe von generativen KI-Tools Veränderungen im Erscheinungsbild der Skulpturen vorgenommen.
Alle Schichten der Installation sind durch die Materialität zu Gruppen zusammengefasst: Der Satz „In democratic societies ...“ ist auf Mesh-Plane gedruckt, der KI-Bildteil ist auf PVC-Plane gedruckt, und der dokumentarische Bildteil besteht aus Inkjet-prints in Aluminiumrahmen.
being continued
Michael Reisch, 3-2026

