In democratic societies
Wie wird Geschichte konstruiert und wie verhalten sich aktuell die verschiedenen Ideologien und Versionen von Gegenwart und Geschichte zueinander? Welche Rolle spielen Fakten im Verhältnis zu ihren digitalen Repräsentationen, spielt der Verlust von Bedeutung unter digitalen Bedingungen? Wie werden in Zeiten von digitaler Dominanz, Techno-Faschismus, von digitalen Echokammern, von Post-Truth und Postfaktizität, sowie des Erstarkens der extremen Rechten und des Verlusts einer gemeinsamen Wirklichkeit Erkenntnisse und Werte gebildet bzw. verhandelt? Auf welche Weise sind die Fotografie vor dem Hintergrund ihres tradierten Realitätsbezugs und Wahrheitsanspruchs und die neuen, fotografiebasierten digitalen Werkzeuge wie z.B. KI in diese gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Aushandlungen involviert? Welche Rolle spielen sie bei der Konstruktion von Geschichte und Identität?
In democratic societies
How is history constructed, and how do the various ideologies and versions of the present and of history currently relate to one another? What role do facts play in relation to their digital representations, and what role does the loss of meaning play in digital conditions? In times of digital dominance, techno-fascism, digital echo chambers, post-truth and post-factuality, as well as the rise of the extreme right and the loss of a shared reality, how are insights and values formed and negotiated? How are photography, with its traditional connection to reality and truth claim, and new photography-based digital tools such as AI involved in these socio-political developments and negotiations? What role do they play in the construction of history and identity?
Michael Reisch, 1-2026
Work in progress: In democratic societies / „Rossebändiger“
Persönliches Statement
2026: Inmitten von Demokratiegefährdung durch das Erstarken der Neuen Rechten, von zunehmend postfaktischen Tendenzen, von heftigem Ringen um politische Deutungshoheit, von Versuchen die Geschichte um- bzw. neu zu schreiben, vor allem von Seiten der Neuen Rechten, arbeite ich momentan, auch als Reaktion auf diese Entwicklungen, an der Arbeit In democratic societies / "Rossebändiger, von der ich hier erste Ergebnisse veröffentliche. (Work in progress).
Eine Verbindung von der heutigen gesellschaftspolitischen Situation zum Nationalsozialismus der 1930-1940er Jahre in Deutschland zu ziehen macht für mich in schockierender Weise Sinn. Meine eigene Jugend und Sozialisierung fallen ungefähr in die Zeit Aufarbeitung der NS-Zeit im Deutschland der 1950-1980er Jahre, die mich nachhaltig geprägt hat. Mein fester Glaube, die Ideologie des Nationalsozialismus sei als tragischer Irrtum der Geschichte verstanden und überwunden, hat sich Mitte der 2010er Jahre mit dem Aufkommen von Populismus, Nationalismus, der AFD in Deutschland, und dem Rechtsruck in den USA und in Europa als Irrtum herausgestellt.
Zeitgleich sind die physischen Spuren der NS-Zeit noch in einigen Teilen Deutschlands erhalten und sichtbar, z.B. diente mir der Westwall nahe meiner Geburtsstadt Aachen im äußersten Westen der damaligen BRD während meiner Kindheit als Spielplatz, bis heute sind die Relikte der NS-Zeit Teil meiner Biographie. Der Düsseldorfer Nordpark, in dem ich viel Zeit verbracht habe und der in unmittelbarer Nähe zum meinem heutigen Lebensmittelpunkt liegt, fungiert heute mit dem neu errichteten Aquazoo als Naherholungsgebiet. Die gesamte Anlage, zu der auch mehrere historische Skulpturenensembles gehören, wurde jedoch für die Große Reichsausstellung Schaffendes Volk 1937 unter dem NS Regime angelegt. Mein persönliches und zwiespältiges Interesse gilt hier schon länger den beiden monumentalen, 12 m hohen Rossebändiger-Skulpturen von Edwin Scharff (1887-1955) aus den Jahren 1937-1940, die – weitgehend unkommentiert – den Eingang des heutigen Nordparks bzw. des Aquazoos an der Kaiserwerther Straße 390 in 40474 Düsseldorf flankieren.
Meine neueste Arbeit In democratic societies / "Rossebändiger" basiert vor dem oben beschriebenen Hintergrund auf diesen beiden Rossebändiger-Skulpturen.
Historie
In den unten angefügten Quellen ist zu den Rossebändiger-Skulpturen von Edwin Scharff zusammengefasst Folgendes zur Historie zu finden: Die Rossebändiger wurden von der Stadt Düsseldorf unter dem damaligen NS-Regime für die Große Reichsausstellung Schaffendes Volk, der zu damaliger Zeit wichtigsten Propagandaausstellung Nazideutschlands, bei Scharff in Auftrag gegeben. Zur Eröffnung der Ausstellung 1937 waren die Skulpturen nicht zur Gänze fertiggestellt und es kam zu einem Eklat, Fotos der eigentlich als NS-Propaganda konzipierten Rossebändiger wurden in der Ausstellung Entartete Kunst in München, ebenfalls 1937, gezeigt, nach 2 Tagen allerdings (anscheinend mit dem Hinweis auf ein Versehen) wieder entfernt. Die Arbeiten an den Skulpturen wurden (nach diversen finanziellen Streitigkeiten) ohne Scharff 1938 wieder aufgenommen und bis 1940 unter dem Naziregime fertiggestellt. Edwin Scharff verlor in der Folge der Ereignisse seine Anstellung als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. (Work in progress, Text wird in Kürze ergänzt).
Quellen:
- „Vom Werkbund zum Vierjahresplan. Die Ausstellung Schaffendes Volk, Düsseldorf 1937“ (ISBN 3-7700-3045-1), Dissertation, Stefanie Schäfers, Droste Verlag, 2001.
- Stadtarchiv Düsseldorf, Akte Bestand 0-1-18 Schaffendes Volk
- https://emuseum.duesseldorf.de/objects/140736/rossebandiger, abgerufen am 15.12.2025
Statement zur Deutung der Rossebändiger
Für mich insbesondere interessant ist die oben beschriebene unscharfe Situation und das historische Ringen um Deutung, das sich an den beiden Rossebändigern festmacht: Heutzutage werden die Rossebändiger allgemein als (von den Nazis sog bezeichnete) „Entartete Kunst“ verstanden, also nicht als NS-Propaganda. Dennoch verkörpern die Rossebändiger unübersehbar eine mit dem Nationalsozialismus konnotierte Ästhetik und können auf dieser Ebene auch heute noch als Symbole für den Nationalsozialismus und den Faschismus gelesen werden. Die diesbezügliche Faktenlage in den o.g. Quellen ist meiner Einschätzung nach uneindeutig, die 12 m hohen Granit-Skulpturen waren als monumentale ideologische Wahrzeichen in Auftrag gegeben, sie waren als Staatskunst und Propaganda für das NS-Regime gebaut. Die zeitweise Einstufung als sogenannte „Entartete Kunst“ ist in den Quellen meist durch die dem Pferd unterlegene Körperhaltung des Pferdehalters begründet, der nicht (wie bei z.B. Josef Thoraks Fahnenträger von 1937) das Pferd dominierte und auch nicht offensichtlich einem „Idealtypus“ im Sinne der Nationalsozialisten zu entsprechen schien. Andererseits widersprechen nicht nur das Entfernen der Rossebändiger-Fotos nach 2 Tagen aus der Ausstellung Entartete Kunst in München, sondern auch der Weiterbau und die Fertigstellung der Skulpturen einer eindeutigen Zuschreibung, wie sie beispielsweise bei Otto Freundlichs Skulptur Der neue Mensch aus dem Jahr 1912 (zerstört 1941, auf dem Plakat zur Ausstellung Entartete Kunst in München abgebildet) möglich ist, die eindeutig der künstlerischen Avantgarde und nicht völkischer NS-Kunst zugerechnet werden kann. In Betracht kann aus meiner Sicht auch gezogen werden, dass die viele Tonnen schweren Skulpturen damals wie heute nicht einfach zu entfernen waren bzw. sind.
Meine obigen Aussagen stellen allerdings lediglich eine weitere Meinung dar und reihen sich in die verschiedenen Deutungsversuche zu den Rossebändigern ein. Ziel meiner Arbeit In democratic societies / "Rossebändiger“ ist es ausgesprochenermaßen nicht!, diese historischen Zusammenhänge kunstwissenschaftlich aufzuklären, oder mir ein Urteil anzumaßen.
Vielmehr interessiert mich gerade die Unschärfe der Situation angesichts der ideologischen Gemengelage, das historische Ringen von verschiedenen Kräften um Deutungshoheit, die in ihrer Parallelität zu heutigen aktuellen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen und Kulturkämpfen für mich höchst interessant sind.
Die Rossebändiger sollen mir dabei als Projektionsflächen für Bedeutungszuschreibungen dienen, wobei mich insbesondere auch die Verknüpfung der gesellschaftspolitischen und der medialen Ebene interessiert. Das Ringen um Deutungshoheit auf der gesellschaftspolitischen Seite ist aus meiner Sicht eng mit den Diskursen zum Dokumentcharakter, zum Faktenbezug und zur Autorität fotografischer Bilder verknüpft. Der tradierte Wahrheitsanspruch der Fotografie, ihr direkter Bezug zur physisch existenten Realität und damit ihre Glaubwürdigkeit werden durch die neuen digitalen Werkzeuge, insbesondere durch bildgenerierende Künstliche Intelligenz aktuell massiv infrage gestellt.
Arbeitsprozess
Ich setze bei meiner Arbeit In democratic societies / „Rossebändiger“ sowohl Reproduktionen von historischen Dokumenten, klassische (dokumentarische) Fotografie, als auch neue digitale fotografiebasierte Werkzeuge wie KI- und Photoshop-Tools ein, um dem Zusammenhang zwischen postfaktischen Tendenzen im Bereich der Gesellschaftspolitik und den Diskursen zum Thema „Wahrheit“ bzw. „Fake“ im Bereich der fotografischen und fotografiebasierten Bilder nachzugehen. Die Arbeit ist von mir in mehreren Schichten konzipiert:
- Zunächst gibt es den Satz: „In democratic societies, the interaction between empirical facts and the moral and ethical frameworks through which they are interpreted plays a decisive role in shaping collective values and norms”, den ich auf Basis von akademischen, politikwissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Postfaktizität formuliert habe, wobei der Sprachduktus der Ausgangstexte erhalten bleiben sollte. Dieser Teil ist auf ist auf Mesh-Plane gedruckt.
- Weiterhin sind Reproduktionen historischer Fotos der Rossebändiger-Skulpturen aus dem Stadtarchiv Düsseldorf Teil der Installation. Die Scans der Originalfotos aus den Jahren 1937-1960 sind vom Stadtarchiv Düsseldorf ca. 1980 erstellt, und von mir als Inkjet-Prints in schwarzen Aluminiumrahmen realisiert. (Die offizielle Kennziffer der historischen Fotos als Text auf den Bildern sichtbar).
- Eine weitere Schicht bilden von mir selbst erstellte dokumentarische Fotos der Rossebändiger-Skulpturen, die auf PVC-Plane gedruckt sind.
- Eine nächste Schicht besteht aus mit generativer künstlicher Intelligenz und Photoshop bearbeiteten Fotos: Ich habe ein von mir erstelltes Foto der Rossebändiger-Skulpturen mithilfe von generativen KI-Tools bearbeitet, hierbei habe ich mithilfe von Text-Prompts die bestehenden Fotos verändert und die Skulpturen mit u.a. fiktionalen Graffiti- und Farbeingriffen versehen. Die Graffiti-Textfragmente habe ich teils selbst erdacht, teils stammen sie aus tatsächlichen Graffiti- und Protestaktionen im öffentlichen Raum:
- Beispielsweise ist der Slogan „Tear it down“ ein wörtliches Zitat eines Protestplakats vor dem neuen Humboldtforum in Berlin bei dessen Eröffnung am 20.7.2021, wo u.a. gegen den kolonialen Hintergrund des Museums demonstriert wurde.
- „Blau ist das neue Braun“ ist ein politischer Slogan bzw. Internet-Hashtag (bei Instagram), der von Parteien, zivilgesellschaftlichen Bündnissen genutzt wird, um auf den Zusammenhang der AfD zum historischen Nationalsozialismus hinzuweisen.
- „History will judge you“ ist ein allgemein verwendeter politischer Slogan und zitiert in diesem Fall die indische Autorin Arundhati Roy, die Aussagen zum Verhältnis von Kunst und Politik des Jurypräsidenten Wim Wenders während der Berlinale 2026 öffentlich kritisiert und ihre Teilnahme abgesagt hatte (Die Berlinale gilt als politisches Filmfestival, Wenders beantwortete die Frage eines Journalisten zum Gaza-Krieg mit „We cannot really enter the field of politics, we have to stay out of politics – we are the counterpart of politics“, woraufhin hitzige Debatten zum Verhältnis von Kunst und Politik und zum Thema Kunstfreiheit entbrannten).
- Etc.
- Auch habe mithilfe von generativer künstlicher Intelligenz Fotos aus verschiedenen Zeitebenen und politischen Konstellationen miteinander verschmolzen, beispielsweise habe ich ein historisches Foto von 1937 aus dem Stadtarchiv mit einem 2025 von mir erstellten Foto überlagert.
- Weiterhin habe ich mithilfe von generativen KI-Tools Veränderungen im Erscheinungsbild der Skulpturen vorgenommen, Teile der Skulpturen sind (fiktiv) rückgebaut oder verändert.
- Ich habe schriftliche Original-Dokumente aus der Akte „Bestand 0-1-18 Schaffendes Volk“, Stadtarchiv Düsseldorf, mithilfe von KI-und Photoshop-Werkzeugen mit Fotos der Rossebändiger verschmolzen. Die Akte beinhaltet die historische Korrespondenz der Stadt Düsseldorf zur Ausstellung „Schaffendes Volk“, wobei ich vor allem die Korrespondenz der damaligen Stadtverwaltung und des Oberbürgermeisters zum Auftauchen der Rossebändiger-Fotos in der Ausstellung Entartete Kunst 1937 ausgewählt habe. Die Reproduktionen der Originale habe ich selbst erstellt.
Alle Schichten der Installation sind durch die Materialität zu Gruppen zusammengefasst bzw. voneinander separiert. (Work in progress, wird fortgeführt).
Michael Reisch, 3-2026
Work in progress: Moral_Staat_Norm
upcoming 10-2026: Projekt Kunst im öffentlichen Raum, LED-Wand: https://take-a-bow.art/
Für die Videoarbeit Moral_Staat_Norm etc. habe ich Begriffs-Felder gebildet, die aus meiner Sicht in aktuellen gesellschaftspolitischen Aushandlungen und Konflikten – u.a. Demokratie in der Auseinandersetzung mit demokratiefeindlichen Bewegungen wie Autoritarismus und der neuen Rechten; Post-Truth- und postfaktischen Strömungen, etc. – eine wichtige Rolle spielen. Ich verstehe die Visualisierung dieser Begriffs-und Konfliktfelder zum einen als kritischen Impuls; zum anderen als aktuelle politische Matrix, auf der sich neue gesellschaftspolitische Ideen und Utopien bilden können, bzw. an der sich diese Utopien beweisen müssen. (work in progress).
Work in progress: Moral_Staat_Norm
upcoming 10-2026: Project art in public space, LED-wall: https://take-a-bow.art/
For the video work Moral_State_Norm etc., I have created concept fields that, in my view, play an important role in current socio-political negotiations and conflicts—including democracy in the confrontation with anti-democratic movements such as authoritarianism and the new right; post-truth and post-factual trends, etc. I understand the visualization of these conflict fields as a critical impulse on the one hand, and as a current political matrix on the other, on which new socio-political ideas and utopias can form, or on which these utopias must prove themselves.
Michael Reisch, 1-2026